Chaosforschung Teil 1

Dem heutigen EDV-Markt kann man vieles nachsagen, nur eines nicht: Daß er leicht zu durchblicken ist. Zu kompliziert sind die wechselseitigen Beziehungen der Einzelbereiche unserer Branche.

Eine neue Beitragsreihe soll dem Fachhändler helfen, sich in diesem Dschungel besser zurechtzufinden und eine für seinen Betrieb optimale Überlebensstrate­gie entwickeln zu können. Um einen verständlichen, ganz­heitlichen Eindruck der momenta­nen Situation zu bekommen, werde ich hier und in einigen weiteren Fol­gen in der EHZ die Einzelbereiche des Marktes analysieren. Am Schluß der Reihe werden diese Tei­le wieder zu einem Gesamtbild mit klar erkennbaren Umrissen zusammengesetzt.
In diesem ersten Teil beschäfti­gen wir uns mit den verschiedenen Erscheinungsformen des Kunden. Typische Vertre­ter dieser Gattungen möchte ich hier kurz skizzieren:
Privat Kunden:
Der Basic-Kunde (Typ a)
Er ist Student und hat schon früh erkannt, daß ihm eine Textverar­beitung das Schreiben seiner Haus­arbeiten und eine Datenbank die Pflege seiner Literaturverwaltung bedeutend erleichtert. Geld hat er wenig, dafür aber die Bereitschaft und die Zeit, sich mit der Materie Computer zu befassen. Also macht er sich durch Fachliteratur und -zeitschriften schlau und baut sei­nen Rechner selbst zusammen. Die Komponenten besorgt er sich abso­lut preisorientiert beim Versand­handel oder Discounter. Was Neu­es kommt bei ihm nur in’s Gehäuse, wenn es von hohem Nutzwert ist. Diskussionen oder den Versuch der Beratung sollte man bei ihm verges­sen. Sein Sicherheitsbedürfniss be­friedigt er duch ständiges Back-Up und das Wissen um seine bastleri­sche Fähigkeiten.
Besondere Kennzeichen:
DOS-Purist, lötet seine Drucker­kabel selbst und findet seinen 286er eigentlich ganz schön schnell.
Der Basic-Kunde (Typ b)
Er ist eine Weiterentwicklung von Basic-Kunde/Typ a. Irgend­wann hat er mal angefangen, Rech­ner für die Kommilitonen zusam­menzubauen -und Geschmack dar­an gefunden. Daraufhin hat er den Gewerbeschein beantragt, seine Studentenbude zur Werkstatt ge­macht und sich Händler genannt. Die Komponenten kauft er immer noch per Mail-Order.
Besondere Kennzeichen:
Er hält drei Rechner pro Monat für ’ne Menge Holz und schwört auf seine liebevolle Handarbeit.
Der Standard-Kunde
Daß PCs nützlich und bereits in vielen Haushalten zu finden sind, ist ihm nicht entgangen. Also kauft er auch einen; entweder als Geschenk für den Nachwuchs oder zur Ver­vollständigung des eigenen Haus­rats.
Er geht in den Laden und » … möchte einen Computer für etwa 2.000,- DM«. Er interessiert sich so­fort für ein bereitstehendes Komplettsystem dieser Preisklasse (Der Händler wird schon wissen, warum er es genau so zusammengestellt hat). Nachdem er sich oberflächlich in­formiert hat, was für sinnvolle Sa­chen man mit diesem Rechner ma­chen könnte, läßt er sich die Kiste einpacken, schnallt sie auf seinen Rolli und zieht zufrieden von hin­nen.
Besondere Kennzeichen:
Er vergißt bei seinem Kauf das Wichtigste. Also muß er sich zwei Wochen später noch die fehlende Soundkarte und den Joy-Stick be­sorgen.
Der Advanced-Kunde
Als Power-User weiß er, was er seinen Ansprüchen an einen echten Rechner schuldig ist. Da er einen hohen Kenntnisstand besitzt, weiß er, wofür Cache-Speicher und FPU gut sind. Interessanterweise haben die Auswüchse, der Geschwindigkeitsrausch und Leistungsbedürfnis bei ihm annehmen können, oft einen realen, professionellen Hintergrund. Der Grund für den Austausch einer Komponente ist nicht der Defekt, sondern das Erscheinen des verbesserten Nachfolgers. Aber, man gönnt sich ja sonst nichts…
Besondere Kennzeichen:
Wenn bei ihm mal alles abstürzen sollte, kramt er nicht 30 verstaubte Disketten hervor, sondern legt sein Streamertape ein, dessen letztes UpDate höchstens zwei Tage alt ist.
Der Excellence-Kunde
Der Paradiesvogel unter seinen Artverwandten. Er hat die Fähigkeit, das Designer-Gehäuse seines Rechners mit dezenter Unübersehbarkeit in seinen Wohnbereich einzubinden. Die Frage nach dem Innenleben seines Computers kann man sich sparen-die Komponenten entsprechen den Siegern des jeweils letzten Vergleichstest. Datensicherung ist ihm wichtig, die Durchführung mit Disketten allerdings unbekannt. Unter Beratung versteht er, dass er den Händler aufklärt, welche High-End-Produkte in seiner Palette fehlen.
Besondere Kennzeichen:
Er findet’s cool, die 50 Datensätze seiner privaten Adressverwaltung mit 66MHz zu durchsuchen.
Firmenkunden
Der Basic-Kunde
Er hat seine mittelständische Firma mit eigener Handarbeit hochgebracht. Also ist die Installation einer Netzwerks auch kein Problem. Auf Fachmessen informiert er sich persönlich über passende Softwareangebote. Dann besorgt er sich die benötigten Rechner mit Netzwerkkarten und Kabeln und bringt das Ganze in nächtelangen Sitzungen irgendwie zum Laufen.
Besondere Kennzeichen:
Dankbarer Hot-Line-Nutzer
Der Standard-Kunde
Er rüstet seine Praxis oder Kanzlei mit einer kleinen Vernetzung aus. Softwareseitig macht er keine Experimente und vertraut auf eine erprobte Branchenlösung. Hardwaremäßig ist die Hauptsache, das es läuft.
Besondere Kennzeichen:
Wenn schon ein Rechner auf dem Schreibtisch, dann einen schönen.
Der Advanced-Kunde
Er ist komplizierter und das nicht ohne Grund. Er will seinen Betrieb auf Vordermann bringen und unterschiedlichste Einzelarbeitsplätze mit verschiedensten Ansprüchen unter einen EDV-Hut bringen. Und wenn es dann nicht so läuft wie er möchte, kann es teuer werden. Mit Pauschallösungen kann er nur selten etwas anfangen.
Besondere Kennzeichen:
Braucht viel Pflege, ist aber sehr anhänglich.
Fazit
Glücklicherweise sind Kunden in dieser überspitzt dargestellten Form selten – jedem Händler wird aber das eine oder andere aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen. Welche speziellen Artikel oder Produkte für die Kundengruppen besonders interessant sind, nehmen wir im nächsten Monat an gleicher Stelle unter die Lupe.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.